40 Tage vegan – und warum dieses Jahr die Fastenzeit so anders war

Ich hätte Euch gerne hier ein paar Vorher-Nachher-Bilder von mir gezeigt: Vorher aufgedunsen und unsportlich, nachher fit und schlank. Vorher rot-gefleckt und picklig, nachher wie ein Babypopo. Aber, pardon, da wird nichts draus. Denn erstens war es „Vorher“ nicht so schlimm, und zweitens sehe ich „Nachher“ noch genauso aus.

Trotzdem ist aus mir in den letzten Wochen, in denen ich der Fastenzeit zuliebe tierische Produkte komplett von meinem Speiseplan gestrichen habe, ein neuer Mensch geworden. Nicht sichtbar, sondern irgendwo tief in mir drin.

Jedes Jahr am Aschermittwoch suche ich mir eine kleine Herausforderung. Ob es Alkohol ist oder Süßigkeiten, die ich mir in dieser Zeit verkneife, abends Kohlenhydrate oder Weizenmehl. Warum? Um Gewohnheiten, die sich eingeschlichen haben, zu hinterfragen, Dinge wieder schätzen zu lernen, gesünder zu leben, Neues auszuprobieren, etwas durchzuziehen. Am Ostersonntag bin ich dann stolz – und froh, dass es vorbei ist.

Aber dieses Jahr war es anders. Obwohl ich – wie so viele aus meinem Umfeld – erstmal der Ansicht war, Veganer könnten „gar nichts mehr“ essen, habe ich beschlossen, sechs Wochen auf tierische Produkte auf dem Teller zu verzichten.

Ich liebe Käse, esse jede Menge Wurst und auch gerne Fleisch. Jetzt, ein paar Wochen später, weiß ich, dass ich das sogar viel mehr, öfter und unbewusster tue, als ich dachte. Eigentlich waren in fast jeder Mahlzeit, die ich zu mir genommen habe, tierische Produkte.

Warum habe ich mir das also dieses Jahr angetan? Weil ich es schaffen wollte. Weil ich wissen wollte, ob es einen Effekt auf meine Gesundheit und Dauermüdigkeit hat. Weil ich neugierig war – und irgendwie Angst davor hatte.

Angst machte mir zunächst der Gedanke an Nudeln ohne Parmesan (geht gar nicht!), Kaffee mit Sojamilch (Igitt!), das komplizierte Auffinden von Nischenprodukten (keine Zeit!). Mittlerweile weiß ich: Ohne Parmesan-Berge schmecken Nudeln intensiver, in Kuhmilch im Kaffee stelle ich plötzlich fettigen Stallgeruch fest – und mein Wocheneinkauf geht schneller denn je, weil ich den Grundstock der veganen Küche mittlerweile zu Hause habe und selbst im Drogeriemarkt um die Ecke Hanföl, Räuchertofu oder Sojaschnetzel finde.

Überraschend sind die Dinge, vor denen ich dagegen keine Angst hatte: Fragwürdige Reaktionen aus dem Umfeld – und vor allem auch zu erfahren, was man eigentlich sonst alles gegessen hat. Beim Besuch im Landgasthof hätte ich auch nach Spritzbesteck fragen können, statt nach Sojamilch im Kaffee. Du isst vegan? Nimm Tabletten! Manch einer hatte sogar Veganer-Witze auf Lager. Oder in der Kantine: Ja, das Auberginen-Couscous ist vegan. Im selben Atemzug gab es vier Schöpflöffel Joghurt-Dip obendrauf.

Aber es gibt eigentlich viel mehr ganz tolle Beispiele: Freundinnen, die nach Rezepten fragen, vegane Pausenbrote in der Cafeteria, (männliche) Bekannte, die jetzt auch mehr vegan essen möchten. Und vor allem, als ich – in der Fastenzeit – zwei Tage in Amsterdam verbracht habe: Anfangs hatte ich noch überlegt, dort eine „Ausnahme“ zu machen, um mich an diesem besonderen Wochenende nicht einschränken zu müssen. Bis ich in der „Vegan Junkfood Bar“ saß und bei lautem Hip Hop Cashew-Burger mit Süßkartoffelpommes aß. Vom veganen Pancake-Shop zu Karottenkuchen und Tiramisu im veganen Restaurant gab es dort mehr, als ich je erwartet hätte. Vor allem die richtige Einstellung! Veganer? Willkommen zu Hause! Und so habe ich schnell gemerkt, dass ich „Ausnahmen“ eigentlich gar nicht machen will.

Ich habe auch angefangen, Zutatenlisten durchzulesen und kritisch zu hinterfragen. Warum ist die Hauptzutat in Schokolade Zucker und nicht Kakaobutter? Beim Franchise-Bäcker erfahre ich, dass die Brezen dort Margarine, Schweinefett und Palmöl enthalten. Warum sind 19 Gramm Zucker pro 100 Gramm Müsli normal? Und was macht Gelatine im Wein?

Da koche ich lieber selber. Und das macht mir so viel Spaß und ist eine solche Bereicherung, wie ich sie lange nicht mehr erlebt habe. Mit 38 Jahren kaufe und koche ich zum ersten Mal Dinge, die ich nicht kannte. Kräuterseitlinge als Zwischendurch-Snack, Garam Masala, Weißkohl, gelbe Beete, Bananenbrot. Einen Apfel unterwegs – kein schneller Döner. Gebratener Cashew-Reis als Mittagessen im Home Office – keine asiatische Glutamat-Fertigsuppe. Den Kuchen im Büro lasse ich stehen, hinterher bin ich ganz froh.

Seit Aschermittwoch kam noch nie zwei Mal das Gleiche auf den Teller, so groß ist die Vielfalt und so zahlreich die Rezepte, die ich sammle. Vor allem lerne ich auch, dass mir trotz Verzicht überhaupt nichts fehlt! Noch kein einziges Mal habe ich wehmütig an Fleisch, Wurst oder Käse gedacht. Im Gegenteil, ich bin so froh, dass ich all diese neuen Dinge kennenlerne und die alten Standards (Leberkäse, Schnitzel, Salami) zunehmend vom Speiseplan streiche. Und dass ich gelernt habe, was wir eigentlich sonst alles in uns hineinstopfen, wenn wir nicht kritisch hinterfragen, was überhaupt drin ist.

Automatisch bin ich aufmerksamer geworden auch in anderen Belangen, wo es um Nachhaltigkeit geht. Plastik, Konsum, Müll – auch da möchte ich meine Gewohnheiten überdenken, so schwer scheint das ja nicht zu sein.

Die Fastenzeit ist nun zu Ende. Aber zum ersten Mal war der Ostersonntag für mich kein Ende, sondern ein Anfang – von einem neuen, bewussteren Leben.

Photo by Brooke Lark on Unsplash

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